KÖLNER STADTANZEIGER, 21.01.2009
„Wir sind halt nicht im Kloster“
Von Tim Stinauer
Seit Jahren sitzen Hans-Wilhelm Daube und Udo Blumer im Kölner „Klingelpütz“. Im Interview erzählen die Knackis, warum es früher in der Zelle gemütlicher war, die Neulinge immer aufmüpfiger werden und weibliche Aufseher gut ankommen. Ossendorf - Hans-Wilhem Daube (63) kam 1961 erstmals hinter Gitter, bis heute saß er 14 Jahre im Gefängnis. Udo Blumer (43) hat von den vergangenen 26 Jahren die Hälfte im Knast verbracht.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Hat es geschmeckt heute Mittag?
HANS-WILHELM DAUBE: Soll ich ehrlich sein? Ich bin Koch, habe 1985 den Meister gemacht. Wenn ich das Essen hier drin vom Fachlichen her sehe, muss ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
UDO BLUMER: Ach, komm, es geht. Mal schmeckt's gut, mal nicht so. Wir sind ja hier nicht im Hilton. Wenn ich anständig essen will, muss ich draußen bleiben und brav sein.
War das Essen im Klingelpütz früher besser?
BLUMER: Nein, da hat sich in 26 Jahren nicht viel verändert. Es gibt immer noch den Bauchspeck, es gibt immer noch das Fischfilet, den Herings-Stipp und ein Mal in der Woche die Nudeln mit der roten Soße.
DAUBE: Aber etwas anderes hat sich geändert: Es gibt heute richtige Toiletten auf den Zellen. 1961, im alten Klingelpütz am Hansaring, haben wir noch gekübelt: Da gab es einen Stuhl mit einer Zinkwanne drin und einem Deckel drauf. Wenn man Notdurft hatte, musste man nur den Deckel hochklappen. Und wenn die Bediensteten die Kübel zum Ausleeren weggetragen haben, hat das ganze Haus gestunken. Aber trotzdem: Es war gemütlich.
Gemütlicher als heute?
BLUMER: Es war einfach anders, es gab noch Werte unter den Gefangenen. Du hast morgens eine Stange Tabak an die Zellentür gehängt, die war abends noch da. Wenn du heute ein Blättchen fallen lässt. . .
DAUBE: . . .wird Dir das geklaut. . .
BLUMER: . . .und zwar bevor es den Boden berührt.
DAUBE: Die ganze Mentalität der Gefangenen hat sich geändert. Die jungen Gefangenen sagen immer: »Wir haben Rechte!« Die vergessen aber, dass sie auch Pflichten haben. Die rennen sofort zum Beamten und verraten dich, wenn sie sich einen Vorteil versprechen. Die hauen sogar die Beamten in den Sack, schieben denen irgendwas in die Schuhe, nur damit sie einen Vorteil kriegen. Wenn ich als junger Häftling so gewesen wäre, hätte ich von den älteren was auf die Ohren gekriegt.
BLUMER: Vor allem die Gefangenen aus dem Ostblock bringen diese alten Werte nicht mehr mit, vielleicht haben die das zu Hause nie vermittelt bekommen, wer weiß. Der Grundsatz »Ein Mann, ein Wort« gilt bei denen nicht. Aber ich will nicht groß schimpfen, Arschlöcher gibt es überall. Wir sind halt im Knast, nicht im Kloster.
DAUBE: Wir haben früher mehr untereinander geregelt, ohne die Beamten. Und das lief auch. Wenn ich mit einem anderen Gefangenen etwas zu regeln hatte, habe ich dem gesagt: »Pass op, Jung. Du hast exakt fünf Minuten, sonst kriegst Du eine gelöscht«, und dann war das Thema erledigt. Aber das geht heute nicht mehr. Die Atmosphäre ist ungesünder geworden.
Gilt das auch für den Umgang mit den Bediensteten?
DAUBE: Ach, hör auf. Du musst heute für jeden Dress einen Antrag schreiben. Ein riesiger Verwaltungsapparat ist das, da können die Beamten nichts dafür. Die müssen ja auch tausend Vorschriften beachten.
BLUMER: Die haben nicht die Zeit, sich mal in Ruhe mit Dir hinzusetzen - wenn Du Stress mit der Freundin hast oder wenn Du einen blöden Brief bekommen hast.
DAUBE: Früher hat man fast alles mündlich geregelt. Da fragte der: »Jung, wat willste han? Komm, hol et dir, aber in fünf Minuten bist du wieder hier.« Und dann war ich auch in fünf Minuten wieder hier.
BLUMER: Was unter den Gefangenen galt, galt auch zwischen Gefangenem und Bediensteten: Ein Mann, ein Wort. Wenn Du Dir ein Tütchen geraucht hast, haben die Beamten darüber hinweggesehen. Die sagten sich: »Der Jung hätt den ganzen Tag gearbeitet, da soll er sich abends ruhig sing Pief rauche. Solang der keine anderen versorgt und nit breit üvver die Abteilung läuft...« Und der konnte sich drauf verlassen, dass wir uns daran halten.
DAUBE: Genau. Das fehlt mir heute, dieses Zwischenmenschliche.
Also war früher alles besser.
DAUBE: Nee, so auch nicht. Dass wir inzwischen Frauen als Bedienstete haben, das finde ich zum Beispiel gut. Was haben die alten Gefangenen damals geschimpft: »Wat sulle wir dann he mit Wiever?« Und heute merkst du, dass da gleich eine ganz andere Atmosphäre auf der Station herrscht, wenn eine Frau arbeitet.
Woran merkt man das?
BLUMER: Es herrscht ein vornehmerer Ton, die Stimmung ist insgesamt ruhiger.
DAUBE: Ich kenne sogar einen, der rasiert sich extra, wenn eine Beamtin Dienst hat.
BLUMER: Echt? Das ist ja lieb.
DAUBE: Ja, aber ich nicht. Ich bin aus dem Alter raus.
Was hat sich noch positiv entwickelt?
DAUBE: Dass wir eine Gefangenen-Mitvertretung haben. Das gab es früher nicht. Die Jungs können bei manchen Entscheidungen der Anstaltsleitung ein bisschen mitreden.
Sie sind beide jetzt zum sechsten Mal im Gefängnis. Wollen Sie gar nicht vernünftig werden?
DAUBE: Ich bin im Rotlichtmilieu groß geworden: Körperverletzung, Zuhälterei, Hehlerei. Es ist nicht leicht, da wieder rauszukommen. Bis 2007 hatte ich eine Kneipe auf der Venloer Straße. Dann flog die Polizei mit Tatütata und Tralala ein, stellte den Laden auf den Kopf, fand Kokain und Waffen. Jetzt sitze ich wieder neun Jahre hier.
Haben die früheren Haftstrafen Sie gar nicht beeindruckt?
DAUBE: Wenn ich durch meine eigene Dummheit wieder hierher gekommen wäre - okay. Aber Leute, die ich Jahre kenne, die für mich Drogen verkauften, die haben mich bei der Polizei verraten. Das enttäuscht mich. Das macht mich böse.
BLUMER: Ich habe mich mit Zwölf entschieden, kriminell zu leben. Habe das schnelle Geld genossen, mir was Teures geleistet. Dann kamen Drogen dazu. Ein Scheißzeug, das alles kaputt macht. Dieses Leben macht dich irgendwann müde. Ich habe es satt, es reicht. Im April komme ich raus. Auf mich wartet eine tolle Frau, ich denke, ein paar Lampen sind bei mir da oben noch an.
Was ist Ihr Plan?
BLUMER: Gerüstbau, wie früher.
Haben Sie etwas gelernt?
BLUMER: Ja, einbrechen. Wobei, nicht mal das richtig. Sonst wäre ich ja nicht so oft hier gelandet.
Das Gespräch führte Tim Stinauer
Aus: Kölner Stadtanzeiger 21.01.2009